Lenin Die Biografie

Verena MORITZ, Hannes LEIDINGER: Lenin Die Biografie. 2024.

Abstract

MORITZ, Verena; LEIDINGER, Hannes: „LENIN Die Biografie“, Salzburg Wien 2023
Am 21. Jänner 1924 – also vor genau 100 Jahren – starb Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich im Untergrund den Namen Lenin zulegt. Der Name ist abgeleitet von einem Fluss aus seiner Heimat.
Es gibt viele Biografien über Lenin. In manchen wird er verherrlicht, in anderen seine Fehler aufgezeigt und sogar „Massenmörder“ bezeichnet. Der Zugang zu dieser historisch wichtigen Person ist sehr unterschiedlich im Westen und im Osten. Aber auch auf der Zeitachse hat sich der Zugang zu seinem Image verändert. 1993 wurde das Lenin-Museum in Moskau geschlossen. Sein Mausoleum am Roten Platz gibt es noch. Obwohl es viele Biografien gibt, hat zum Jahrestag des Todes von Lenin der Residenz Verlag eine neue Biografie auf den Markt gebracht. Auf 650 Seiten handeln die beiden Autoren Verena Moritz und Hannes Leidinger das Leben des Politikers und Philosophen ab, wobei sie auf die verschiedenen Zeittrends eingingen. Auch das Umfeld Lenins wurde beleuchtet und man erfährt auch von seinen Familienmitgliedern und weiblichen Beziehungen.
Lenin wurde am 10. April 1870 als Wladimir Iljitsch Uljanow in der Provinzstadt Simbirsk am Fluss Wolga – 1500 Kilometer östlich von Moskau - geboren. 1887 wurde sein älterer Bruder wegen eines Anschlags auf den Zaren zum Tode verurteilt. Der Vater war ein engagierter Pädagoge und ermöglichte seinen Kindern eine adäquate Ausbildung. Die Mutter war protestantisch und hatte schwedisch-deutsche Vorfahren. Ihre Kinder – so auch Lenin – wuchsen im orthodoxen Glauben auf. Einige der Familienmitglieder waren wie Lenin reaktionär und wandten sich auch von der Kirche ab. Als Lenin 16 Jahre alt war verstarb der Vater völlig überraschend. Die Ausbildung der sechs Kinder war dadurch aber nicht gefährdet. Nach Abschluss des Gymnasiums kam er nach Kasan an die Universität. Als er an einem Protest teilnahm, wurde er neben 80 Kommilitonen verhaftet. Lenin musste Kasan verlassen und die Familie zog auf das Familiengut nach Kokuschkin. Das geistige Erbe des liquidierten Bruders ließ ihn von der revolutionären Idee nicht los. Letztlich wurde er nach Sibirien verschickt. Dort konnte er ein relativ normales Leben führen und heiratete. Unerwarteterweise durfte er 1890 wieder nach Sankt Petersburg zum Studium. Einige Familienmitglieder lebten schon in der Hauptstadt und unterstützten ihn. Der Lebensunterhalt war durch das bestehende Familienvermögen gesichert. Er engagierte sich aber weiter im Widerstand und wurde 1895 erneut verhaftet.
Im Exil in Sibirien verfasste er namhafte Schriften und Bücher. Auch hatte er – durch die Unterstützung seiner Familie – Zugang zu Literatur und Schriften. Verurteilten war es damals möglich Familienmitglieder nachkommen zu lassen. So holte er Nadeschda Krupskaja und seine Schwiegermutter nach. 1898 heiratete er Nadeschda im Exil. Sie wurde im revolutionären Leben Lenins eine „treue Seele“ und loyale Gefährtin, wenngleich er später auch Verhältnisse zu Frauen pflegte.
Nach Beendigung seines Exils in Sibirien durfte er sich in einer Stadt 300 Kilometer südlich von Sankt Petersburg ansiedeln. Der Zutritt zur Hauptstadt blieb ihm noch verwehrt. Trotzdem reiste er öfter unerlaubt hin, wurde erwischt und kam wieder ins Gefängnis. Letztlich suchte er um eine Ausreise an und übersiedelte in die Schweiz. Viele Jahre verbrachte er in der Fremde, nahm aber an internationalen Konferenzen und Kongressen der Sozialdemokratie teil und agierte aus dem Ausland heraus in Russland. Die russische Sozialdemokratie durchlief viele Veränderungen, Tiefen und Konkurrenzkämpfe, in die Lenin mit seinen Ideen verwickelt war. Die Autoren der vorliegenden Biografie schildern aber auch Zustände der Sozialisten in anderen Ländern. Strukturelle Veränderungen in Russland, die Revolution im Jahr 1905 sind ebenfalls Themen, die ausführlich abgehandelt werden. Im Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah Lenin eine Chance, um die Veränderung in Russland durchzuführen und die Monarchie durch eine Demokratie zu ersetzen. Er wartete lange, bis er zurückkehrte. Unter dem Zarenregime hätte er auch gefährlich gelebt und wäre verfolgt worden. „Angesichts der Ereignisse in der Heimat drängte er auf die Heimreise und fühlte sich in Zürich wie im Käfig.“ (Seite 392) Zu Hause war er nicht bei allen willkommen und wurde sogar als Spion der Deutschen angesehen. Zwischenzeitig musste er wieder ins Exil; diesmal nur nach Finnland. Die Vorgänge in der Hauptstadt musste er aus der Ferne beobachten. Hier verfasste er seine Schrift „Staat und Revolution“. Sie beschäftigte sich mit der Zeit nach dem Sturz des Kapitalismus. Beim Umsturz waren es vor allem die Städte, die den Bolschewiki Zulauf verschafften. An einer Machtübernahme seiner Partei zweifelte er aber nicht. Er hatte Charisma und Weitsicht: Eigenschaften, die auch seine Kontrahenten erkannten und begrüßten.
Damit war seine Zeit gekommen. Von 1903 bis 1924 war er Vorsitzender der Bolschewiki, von 1917 bis 1924 Regierungschef der Russischen und von 1922 bis zu seinem Tod 1924 der Sowjetunion, als deren Begründer er gilt. Trotz allem Karriereerfolg musste er sich – so zeigt es auch die vorliegende Biografie – vielen Angriffen und Widerständen erwehren. Man beschuldigte ihn, dass er als Spion für Deutschland gearbeitet hat, Schwarzgeld oder Geld aus der Parteikasse veruntreute. Er wehrte sich standhaft gegen all diese Vorwürfe. „Selbst die Öffnung der russischen Archive Anfang der 1990er Jahre brachte nur bedingt Licht in die Causa.“ (Seite 428)
Lenin profitierte vom „Kriegskommunismus“, den er für die Zeit zwischen der Oktoberrevolution 1917 und der neuen Wirtschaftspolitik, die 1921 startete einführte. Da er im Krieg eine Chance für das Aufkommen seiner Partei sah, war er über einen Friedensvertrag und einem Ende des Krieges nicht interessiert. Die Recherchen der beiden Autoren ergaben, dass er sich sogar weigerte den Friedensvertrag zu lesen.
Von der Machtübernahme der Bolschewiki erhofften sich die Völker des Baltikums, des Kaukasus, Finnland, Polen und der Ukraine eine Selbstständigkeit. Die Ukraine konnte aber wegen seiner Wichtigkeit für Russland durch die Getreidelieferungen nicht entlassen werden. Die Nahrungslieferanten waren notwendiger denn je. Die Hungersnot schaffte bis 1922 sieben bis zehn Millionen Tote – mehr als im Ersten Weltkrieg.
Seine Macht konnte Lenin nur durch einen immer stärker werdenden Sicherheitsapparat durch Volkskommissare aufrechterhalten. Die kriegsmüde Bevölkerung konnte dagegen wenig ausrichten. Für Lenin war das Volk weiterhin „unmündig“ und bedurfte eines Lehrmeisters wie ihm.
Lenin wurde aber immer müder. Die Buchautoren nennen dies in einem eigenen Kapitel „(Selbst-) Zerstörung und Entrückung“. Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen peinigten ihn zunehmend. Er wurde immer depressiver und wütender. Er schwankte zwischen melancholische Erschöpfung und Aggression.
Auch das Verhältnis seines Mitstreiters Stalin wird beleuchtet und dass er – Lenin – in ihm keinen Nachfolger sah. Die Verehrung des Volkes richtete sich an Lenin. So wie die Religion entmachtet wurde, brachte die Leninverehrung eine Ersatzreligion. „Die Landwirtschaftsausstellung in Moskau im Herbst 1923 stellte die künftige Modell-Wohnung der Sowjetbürger vor. In ihr sollte es nicht an einer „Lenin-Ecke“ fehlen, die als Ersatz für die traditionelle Ikonen-Verehrung konzipiert war.“ (Seite 607) Tausende Plätze und Straßen erhielten seinen Namen.
1922, als er merkte, dass sein Leben dem Ende entgegen ging, diktierte er seinem Sekretär ein Testament, über dessen Authentizität noch heute unter Fachleuten gestritten wird.
Das vorliegende Buch ist mehr als eine Biografie; es zeigt auch die internationale Situation, die Entstehung des Sozialismus und das Leben der Gesellschaft.

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    Es gibt viele Biografien über Lenin. In manchen wird er verherrlicht, in anderen seine Fehler aufgezeigt und sogar „Massenmörder“ bezeichnet. Der Zugang zu dieser historisch wichtigen Person ist sehr unterschiedlich im Westen und im Osten. Aber auch auf der Zeitachse hat sich der Zugang zu seinem Image verändert. 1993 wurde das Lenin-Museum in Moskau geschlossen. Sein Mausoleum am Roten Platz gibt es noch. Obwohl es viele Biografien gibt, hat zum Jahrestag des Todes von Lenin der Residenz Verlag eine neue Biografie auf den Markt gebracht. Auf 650 Seiten handeln die beiden Autoren Verena Moritz und Hannes Leidinger das Leben des Politikers und Philosophen ab, wobei sie auf die verschiedenen Zeittrends eingingen. Auch das Umfeld Lenins wurde beleuchtet und man erfährt auch von seinen Familienmitgliedern und weiblichen Beziehungen.
    Lenin wurde am 10. April 1870 als Wladimir Iljitsch Uljanow in der Provinzstadt Simbirsk am Fluss Wolga – 1500 Kilometer östlich von Moskau - geboren. 1887 wurde sein älterer Bruder wegen eines Anschlags auf den Zaren zum Tode verurteilt. Der Vater war ein engagierter Pädagoge und ermöglichte seinen Kindern eine adäquate Ausbildung. Die Mutter war protestantisch und hatte schwedisch-deutsche Vorfahren. Ihre Kinder – so auch Lenin – wuchsen im orthodoxen Glauben auf. Einige der Familienmitglieder waren wie Lenin reaktionär und wandten sich auch von der Kirche ab. Als Lenin 16 Jahre alt war verstarb der Vater völlig überraschend. Die Ausbildung der sechs Kinder war dadurch aber nicht gefährdet. Nach Abschluss des Gymnasiums kam er nach Kasan an die Universität. Als er an einem Protest teilnahm, wurde er neben 80 Kommilitonen verhaftet. Lenin musste Kasan verlassen und die Familie zog auf das Familiengut nach Kokuschkin. Das geistige Erbe des liquidierten Bruders ließ ihn von der revolutionären Idee nicht los. Letztlich wurde er nach Sibirien verschickt. Dort konnte er ein relativ normales Leben führen und heiratete. Unerwarteterweise durfte er 1890 wieder nach Sankt Petersburg zum Studium. Einige Familienmitglieder lebten schon in der Hauptstadt und unterstützten ihn. Der Lebensunterhalt war durch das bestehende Familienvermögen gesichert. Er engagierte sich aber weiter im Widerstand und wurde 1895 erneut verhaftet.
    Im Exil in Sibirien verfasste er namhafte Schriften und Bücher. Auch hatte er – durch die Unterstützung seiner Familie – Zugang zu Literatur und Schriften. Verurteilten war es damals möglich Familienmitglieder nachkommen zu lassen. So holte er Nadeschda Krupskaja und seine Schwiegermutter nach. 1898 heiratete er Nadeschda im Exil. Sie wurde im revolutionären Leben Lenins eine „treue Seele“ und loyale Gefährtin, wenngleich er später auch Verhältnisse zu Frauen pflegte.
    Nach Beendigung seines Exils in Sibirien durfte er sich in einer Stadt 300 Kilometer südlich von Sankt Petersburg ansiedeln. Der Zutritt zur Hauptstadt blieb ihm noch verwehrt. Trotzdem reiste er öfter unerlaubt hin, wurde erwischt und kam wieder ins Gefängnis. Letztlich suchte er um eine Ausreise an und übersiedelte in die Schweiz. Viele Jahre verbrachte er in der Fremde, nahm aber an internationalen Konferenzen und Kongressen der Sozialdemokratie teil und agierte aus dem Ausland heraus in Russland. Die russische Sozialdemokratie durchlief viele Veränderungen, Tiefen und Konkurrenzkämpfe, in die Lenin mit seinen Ideen verwickelt war. Die Autoren der vorliegenden Biografie schildern aber auch Zustände der Sozialisten in anderen Ländern. Strukturelle Veränderungen in Russland, die Revolution im Jahr 1905 sind ebenfalls Themen, die ausführlich abgehandelt werden. Im Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah Lenin eine Chance, um die Veränderung in Russland durchzuführen und die Monarchie durch eine Demokratie zu ersetzen. Er wartete lange, bis er zurückkehrte. Unter dem Zarenregime hätte er auch gefährlich gelebt und wäre verfolgt worden. „Angesichts der Ereignisse in der Heimat drängte er auf die Heimreise und fühlte sich in Zürich wie im Käfig.“ (Seite 392) Zu Hause war er nicht bei allen willkommen und wurde sogar als Spion der Deutschen angesehen. Zwischenzeitig musste er wieder ins Exil; diesmal nur nach Finnland. Die Vorgänge in der Hauptstadt musste er aus der Ferne beobachten. Hier verfasste er seine Schrift „Staat und Revolution“. Sie beschäftigte sich mit der Zeit nach dem Sturz des Kapitalismus. Beim Umsturz waren es vor allem die Städte, die den Bolschewiki Zulauf verschafften. An einer Machtübernahme seiner Partei zweifelte er aber nicht. Er hatte Charisma und Weitsicht: Eigenschaften, die auch seine Kontrahenten erkannten und begrüßten. 
    Damit war seine Zeit gekommen. Von 1903 bis 1924 war er Vorsitzender der Bolschewiki, von 1917 bis 1924 Regierungschef der Russischen und von 1922 bis zu seinem Tod 1924 der Sowjetunion, als deren Begründer er gilt. Trotz allem Karriereerfolg musste er sich – so zeigt es auch die vorliegende Biografie – vielen Angriffen und Widerständen erwehren. Man beschuldigte ihn, dass er als Spion für Deutschland gearbeitet hat, Schwarzgeld oder Geld aus der Parteikasse veruntreute. Er wehrte sich standhaft gegen all diese Vorwürfe. „Selbst die Öffnung der russischen Archive Anfang der 1990er Jahre brachte nur bedingt Licht in die Causa.“ (Seite 428)
    Lenin profitierte vom „Kriegskommunismus“, den er für die Zeit zwischen der Oktoberrevolution 1917 und der neuen Wirtschaftspolitik, die 1921 startete einführte. Da er im Krieg eine Chance für das Aufkommen seiner Partei sah, war er über einen Friedensvertrag und einem Ende des Krieges nicht interessiert. Die Recherchen der beiden Autoren ergaben, dass er sich sogar weigerte den Friedensvertrag zu lesen.
    Von der Machtübernahme der Bolschewiki erhofften sich die Völker des Baltikums, des Kaukasus, Finnland, Polen und der Ukraine eine Selbstständigkeit. Die Ukraine konnte aber wegen seiner Wichtigkeit für Russland durch die Getreidelieferungen nicht entlassen werden. Die Nahrungslieferanten waren notwendiger denn je. Die Hungersnot schaffte bis 1922 sieben bis zehn Millionen Tote – mehr als im Ersten Weltkrieg. 
    Seine Macht konnte Lenin nur durch einen immer stärker werdenden Sicherheitsapparat durch Volkskommissare aufrechterhalten. Die kriegsmüde Bevölkerung konnte dagegen wenig ausrichten. Für Lenin war das Volk weiterhin „unmündig“ und bedurfte eines Lehrmeisters wie ihm.
    Lenin wurde aber immer müder. Die Buchautoren nennen dies in einem eigenen Kapitel „(Selbst-) Zerstörung und Entrückung“. Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen peinigten ihn zunehmend. Er wurde immer depressiver und wütender. Er schwankte zwischen melancholische Erschöpfung und Aggression.
    Auch das Verhältnis seines Mitstreiters Stalin wird beleuchtet und dass er – Lenin – in ihm keinen Nachfolger sah. Die Verehrung des Volkes richtete sich an Lenin. So wie die Religion entmachtet wurde, brachte die Leninverehrung eine Ersatzreligion. „Die Landwirtschaftsausstellung in Moskau im Herbst 1923 stellte die künftige Modell-Wohnung der Sowjetbürger vor. In ihr sollte es nicht an einer „Lenin-Ecke“ fehlen, die als Ersatz für die traditionelle Ikonen-Verehrung konzipiert war.“ (Seite 607) Tausende Plätze und Straßen erhielten seinen Namen.
    1922, als er merkte, dass sein Leben dem Ende entgegen ging, diktierte er seinem Sekretär ein Testament, über dessen Authentizität noch heute unter Fachleuten gestritten wird. 
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