Königin der Berge

Daniel Wisser: Königin der Berge. 2024.

Abstract

WISSER, Daniel: „Königin der Berge“, München 2020
Keine leichte Lektüre. Nicht wegen des Schreibstils, sondern wegen des Themas. Ein vierzigjähriger Mann hat Multiple Sklerose. Er will das zuerst nicht wahrhaben, muss sich aber mit der Diagnose abfinden. Im Alter von 36 Jahren ist er in ein Pflegeheim gezogen, weil er fand, dass er die Pflege seiner lieben Frau nicht zumuten kann. Detailgenau wird sein Aufenthalt und die Umgebung im Pflegeheim beschrieben. Seine Frau – eine attraktive Dame – besucht ihn gelegentlich. Er hadert nicht nur mit seiner Krankheit, sondern auch mit dem Verdacht, dass seine Frau nun einen anderen Mann hat. Eigentlich will er sterben, solange er das noch selbst entscheiden kann. Sein Zustand wird immer schlechter. Alle zehn Minuten überkommt ihn eine Müdigkeit, die in einschlafen lässt. Er hadert mit seiner Situation: „Dass ich kaum mehr sehe, dass ich meine Beine nicht mehr spüre, mit den Händen nur mehr tollpatschige Bewegungen machen kann, dass ich immer Angst haben muss, dass morgen alles schlimmer ist, dass ich diese Entzündungen habe und diese Hautausschläge, dass meine Pisse aus dem Bauch in einen Sack rinnt, dass ich ertragen muss, wie ein armes Mädchen meinen stinkenden Arsch reinigen muss, und mich für mein Aussehen, den Gestank meines Körpers und seine Unansehnlichkeit schämen muss.“ (Seite 363)
Viele Menschen fragt er, ob sie ihn in die Schweiz begleiten, wo diese Selbsttötung erlaubt ist. Das Krankenhauspersonal lehnt aus dienstlichen Gründen strikt ab, aber auch seine Frau will davon Nichts wissen. Als Arbeiter vor eine Tür im vierten Stock ein Gitter montieren, sieht er seine Chance der Selbsttötung. Als die Männer Jausenzeit machen, fährt er mit seinem Rollstuhl mit Höchstgeschwindigkeit durch die Tür, um abzustürzen und so sein Leben zu beenden. ABER: in der nächsten Etage ist eine Terrasse, auf die er stürzt und sich auch nicht verletzt hat. Im Gegenteil, er findet, dass viele seiner Leiden wie die Sehleistung, durch den Sturz besser geworden sind. Er ist nur leicht verletzt. Zur Beobachtung kommt er in ein Krankenhaus, wo man ebenfalls keine Verletzungen feststellt. Die verantwortliche Krankenschwester des Pflegeheims besucht ihn im Krankenhaus und bietet ihm an, dass er nicht vorsätzlich abgestürzt sei, sondern sein Wagen sei umgekippt. Sonst müsste sie ihn in eine Anstalt einliefern lassen. Robert Turin – so heißt der MS-kranke – ist überrascht, dass ihm eine katholische Krankenschwester anbietet zu lügen.
Von seiner Schwägerin, die Ärztin ist, bekommt er dann Pulver, mit denen er sich töten kann. Er fährt in ein Einkaufszentrum und versteckt sich hinter einer Stiege, wo er die Pulver nimmt. Das Zentrum wurde über Nacht geschlossen und so könnte er hier sterben. Ein Pfleger kommt aber auf die Idee, wo sie ihn finden könnten und der neuerliche Versuch ging wieder daneben.
Heimlich meldet er sich bei einem Schweizer Sterbeverein an. Zu seiner Psychologin hat er einen guten Kontakt. Sie lud ihn zu einem Geburtstagsfest ein und versprach ihm, bei der Fahrt in die Schweiz zu unterstützen. Sie wurde später vom Pflegeheim entlassen. Der Kontakt zum kranken Turin bleibt aufrecht. Sie ist es, die ihn letztlich in die Schweiz bringt, wo er seinen lebensbeendenden Wunsch erfüllen kann.
Genial ist es, wie Wisser bei Dialogen neben den gesprochenen Text auch das schreibt, was sich die jeweilige Person zu seinen eigenen Aussagen denkt. Als Turin im fortgeschrittenen Stadium viele Wörter nicht mehr sprechen kann, werden diese zwar gedruckt, aber die nicht ausgesprochenen Laute geschwärzt.
Der Autor dieses Buches erzählt sehr detailgenau das Zusammenleben mit dem Pflegepersonal und den Krankenschwestern beziehungsweise welche Mobilitätsmöglichkeiten einem Rollstuhlfahrer bleiben. Ausflüge sind nur kurz: zur Kantine im Pflegeheim, dem nächstgelegenen Einkaufszentrum und zum Park dem Platz der Raucher. Bei diesen stellt er fest, dass er voll akzeptiert wird. „Turin hat das Gefühl, dass nur mehr Raucher untereinander wirklich kommunizieren und einander als gleichwertige Geschöpfe achten. Egal ob eine Schwester mit einem Patienten oder die Geschäftsführerin mit einer Putzfrau redet: Bei den Rauchern sind alle Grenzen aufgehoben. Raucher reden mit Rauchern, und bestimmt wird dabei über Dinge gesprochen, über die man unter anderen Umständen niemals sprechen würde. Die Raucher müssen sich inzwischen in die hintersten Winkel verkriechen, sie müssen sich verstecken, sie wissen, dass ihr Laster etwas Geächtetes ist. Und das schweißt zusammen.“ (Seite 311)
Irgendwie erinnerte mich das Buch an Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Zwar ist hier der „alte Mann“ noch jung und er kämpft nicht gegen einen Hai, sondern gegen sich selbst. Die Dramatik ist aber ebenso genial. Ein schwieriges Thema, das aber großartig aufgearbeitet wurde.

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    Keine leichte Lektüre. Nicht wegen des Schreibstils, sondern wegen des Themas. Ein vierzigjähriger Mann hat Multiple Sklerose. Er will das zuerst nicht wahrhaben, muss sich aber mit der Diagnose abfinden. Im Alter von 36 Jahren ist er in ein Pflegeheim gezogen, weil er fand, dass er die Pflege seiner lieben Frau nicht zumuten kann. Detailgenau wird sein Aufenthalt und die Umgebung im Pflegeheim beschrieben. Seine Frau – eine attraktive Dame – besucht ihn gelegentlich. Er hadert nicht nur mit seiner Krankheit, sondern auch mit dem Verdacht, dass seine Frau nun einen anderen Mann hat. Eigentlich will er sterben, solange er das noch selbst entscheiden kann. Sein Zustand wird immer schlechter. Alle zehn Minuten überkommt ihn eine Müdigkeit, die in einschlafen lässt. Er hadert mit seiner Situation: „Dass ich kaum mehr sehe, dass ich meine Beine nicht mehr spüre, mit den Händen nur mehr tollpatschige Bewegungen machen kann, dass ich immer Angst haben muss, dass morgen alles schlimmer ist, dass ich diese Entzündungen habe und diese Hautausschläge, dass meine Pisse aus dem Bauch in einen Sack rinnt, dass ich ertragen muss, wie ein armes Mädchen meinen stinkenden Arsch reinigen muss, und mich für mein Aussehen, den Gestank meines Körpers und seine Unansehnlichkeit schämen muss.“ (Seite 363)
    Viele Menschen fragt er, ob sie ihn in die Schweiz begleiten, wo diese Selbsttötung erlaubt ist. Das Krankenhauspersonal lehnt aus dienstlichen Gründen strikt ab, aber auch seine Frau will davon Nichts wissen. Als Arbeiter vor eine Tür im vierten Stock ein Gitter montieren, sieht er seine Chance der Selbsttötung. Als die Männer Jausenzeit machen, fährt er mit seinem Rollstuhl mit Höchstgeschwindigkeit durch die Tür, um abzustürzen und so sein Leben zu beenden. ABER: in der nächsten Etage ist eine Terrasse, auf die er stürzt und sich auch nicht verletzt hat. Im Gegenteil, er findet, dass viele seiner Leiden wie die Sehleistung, durch den Sturz besser geworden sind. Er ist nur leicht verletzt. Zur Beobachtung kommt er in ein Krankenhaus, wo man ebenfalls keine Verletzungen feststellt. Die verantwortliche Krankenschwester des Pflegeheims besucht ihn im Krankenhaus und bietet ihm an, dass er nicht vorsätzlich abgestürzt sei, sondern sein Wagen sei umgekippt. Sonst müsste sie ihn in eine Anstalt einliefern lassen. Robert Turin – so heißt der MS-kranke – ist überrascht, dass ihm eine katholische Krankenschwester anbietet zu lügen.
    Von seiner Schwägerin, die Ärztin ist, bekommt er dann Pulver, mit denen er sich töten kann. Er fährt in ein Einkaufszentrum und versteckt sich hinter einer Stiege, wo er die Pulver nimmt. Das Zentrum wurde über Nacht geschlossen und so könnte er hier sterben. Ein Pfleger kommt aber auf die Idee, wo sie ihn finden könnten und der neuerliche Versuch ging wieder daneben.
    Heimlich meldet er sich bei einem Schweizer Sterbeverein an. Zu seiner Psychologin hat er einen guten Kontakt. Sie lud ihn zu einem Geburtstagsfest ein und versprach ihm, bei der Fahrt in die Schweiz zu unterstützen. Sie wurde später vom Pflegeheim entlassen. Der Kontakt zum kranken Turin bleibt aufrecht. Sie ist es, die ihn letztlich in die Schweiz bringt, wo er seinen lebensbeendenden Wunsch erfüllen kann.
    Genial ist es, wie Wisser bei Dialogen neben den gesprochenen Text auch das schreibt, was sich die jeweilige Person zu seinen eigenen Aussagen denkt. Als Turin im fortgeschrittenen Stadium viele Wörter nicht mehr sprechen kann, werden diese zwar gedruckt, aber die nicht ausgesprochenen Laute geschwärzt.
    Der Autor dieses Buches erzählt sehr detailgenau das Zusammenleben mit dem Pflegepersonal und den Krankenschwestern beziehungsweise welche Mobilitätsmöglichkeiten einem Rollstuhlfahrer bleiben. Ausflüge sind nur kurz: zur Kantine im Pflegeheim, dem nächstgelegenen Einkaufszentrum und zum Park dem Platz der Raucher. Bei diesen stellt er fest, dass er voll akzeptiert wird. „Turin hat das Gefühl, dass nur mehr Raucher untereinander wirklich kommunizieren und einander als gleichwertige Geschöpfe achten. Egal ob eine Schwester mit einem Patienten oder die Geschäftsführerin mit einer Putzfrau redet: Bei den Rauchern sind alle Grenzen aufgehoben. Raucher reden mit Rauchern, und bestimmt wird dabei über Dinge gesprochen, über die man unter anderen Umständen niemals sprechen würde. Die Raucher müssen sich inzwischen in die hintersten Winkel verkriechen, sie müssen sich verstecken, sie wissen, dass ihr Laster etwas Geächtetes ist. Und das schweißt zusammen.“ (Seite 311)
    Irgendwie erinnerte mich das Buch an Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Zwar ist hier der „alte Mann“ noch jung und er kämpft nicht gegen einen Hai, sondern gegen sich selbst. Die Dramatik ist aber ebenso genial. Ein schwieriges Thema, das aber großartig aufgearbeitet wurde.
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