Die Kehrseite des Himmels

Ljudmila ULIZKAJA: Die Kehrseite des Himmels. 2024.

Abstract

ULITZKAJA, Ljudmila: „Die Kehrseite des Himmels“, München 2022
Die Autorin erzählt aus ihrer Kindheit und aus ihrem Leben. Die Erzählungen geben einen guten Einblick ins russische Leben. In (fast) jedem Land gibt es Schriftsteller, die das Leben in ihrer Umgebung beschreiben. Vieles ähnelt über Grenzen hinweg. Bei Manchem gibt es aber einen kulturellen Unterschied. Ulitzkaja kritisiert auch Vorgänge der Gegenwart im eigenen Land, aber sie liebt ihr Land und sie ist eine überzeugte Russin. Die Kritik an Vorgängen macht sie, damit es zu Verbesserung des geliebten Landes kommt.
In 33 Kapiteln nimmt sie Bezug zu verschiedensten Themen. Beginnend bei der eigenen Kindheit, ihren Vorfahren, über allgemeine Ratschläge zu Dingen wie Schlaflosigkeit, Lüge, ihren Erfahrungen mit der Ehe über Krieg und Tod. Als Schriftstellerin ist auch interessant, wenn sie meint „Lesen ist wie eine Explosion. Die Welt wird größer, füllt sich mit neuem Wissen. Es steckt im Bücherschrank im Flur, in der Wohnung meiner Vorfahren mütterlicherseits, der Ginsburgs. Das ICH formiert sich aus der Summe der gelesenen Bücher.“ (Seite 18) Aus der Erfahrung des Aneignens von Wissen durch das Lesen leitet sie „das unglaubliche Tempo der heutigen Welt, die enorme Beschleunigung lässt eine andere Physik vermuten als die, von der wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts wissen.“ (Seite 21)
Sie setzt sich auch mit moralischen Begriffen wie Lüge auseinander. Das Gegenteil der Lüge, die Wahrheit kann sich auf der Zeitachse ändern. Was gestern noch wahr war kann morgen schon Lüge sein. Wichtiger ist ihr aber die Lüge, den nach ihr kann man sich verbessern. Ähnlich auch ihr Zugang zu Heiligen. Sie sind nicht nachahmbar und es sollte auch nicht angestrebt werden sie nachzuahmen. Wichtiger sei da Ehrlichkeit.
Unter den Ratschlägen im Buch scheint etwa jener einer Popenfrau auf, die da sagte „Nicht aufzählen, was du nicht geschafft hast, sondern an das denken, was du geschafft hast.“ (Seite 57) So äußert sie sich auch zum Problem des Einschlafens. Für sie gehört zur Schlaflosigkeit „auch das monotone Einschlafen und wieder Aufwachen mit dem hartnäckigen Gedanken: einschlafen, einschlafen, einschlafen …“ (Seite 61)
Die heutige Welt bietet ein Übermaß an Informationen. Es ist schwerer eine Entscheidung zutreffen als in vorangegangenen Generationen. Da wird die Absage, das NEIN-Sagen, viel wichtiger, um ihm Sog der Daten nicht zu versinken.
Dazwischen macht sie in einem Kapitel auch Eigenwerbung für eine Buchreihe, die sie unter dem Titel „Der andere, die anderen, über andere“ herausgegeben hat. Hier versucht sie sich an die Jugendlichen zu wende, um ihnen Kulturen und Sitten anderer Völker nahezubringen, was letztlich auf mehr Toleranz und Liberalität hinausläuft. Interessant in diesem Zusammenhang ihre Erzählung über Jelena Mitrofanowa, einer Großmutter, die mit ihren sechs Enkelkindern auf der Straße lebt. Sie ist Ukrainerin, von der Krim und hat in Moskau keinen Anspruch auf Unterstützung. Sie firmiert als Ausländerin in Russland. So hat sie ihre Moskauer Wohnung verloren und lebt auf der Straße. Ulitzkaja, die Autorin dieser Geschichte, will helfen, findet aber kein Verständnis in der Denkweise der Migrantin.
Ihr Engagement für Minderheiten zeigt sie am Beispiel eines Jugendstraflagers. Sachlich und kritisch leuchtet sie die Situation aus. Die Geschichte hatte sie im Jahr 2000 geschrieben. Im vorliegenden Buch macht sie aber ein Postskript (im Sinne ihrer Russlandliebe), dass sich die Situation verbessert hat. Waren 1999 (also bei ihrem Besuch) 22.000 Jugendliche inhaftiert, so waren es 2013 nur mehr 2.200.
Die heurige Situation der Oligarchen erklärt sie aus russischer Sicht und stellt sie reichen Handelsleuten aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gegenüber. Sie lässt auch das Thema der politischen Führung des Landes nicht aus. Im Kapitel „Braucht Russland einen Pinochet?“ zeigt sie den Rechtsruck – wie er derzeit in vielen Ländern unserer Welt passiert – auf. Sie setzt sich mit dem Gedankengut der neuen Rechten auseinander und zeigt deren Denkweise auf. Viele denken immer noch an die große Zeit der Sowjetunion und die 21 Millionen Russen, die in anderen Ländern leben. Die kriegerischen Auseinandersetzungen sind schrecklich, mehr erschüttert sie „die Enthumanisierung auf beiden Seiten.“ (Seite 149)
Im Zuge ihrer Reisen kommt sie auch in mein Heimatland Österreich und erzählt von einer Festspieleröffnung in Salzburg, wo man des Ersten Weltkriegs gedenkt. Dabei sinniert sie nach Erschallen der österreichischen Bundeshymne über die russische Hymne, deren Text 1944 hieß „Und Stalin erzog uns zur Treue“. Als Stalin entthront wurde, ersetzte man das Wort „Stalin“ gegen „Partei“ (1955 bis 1970). Von 1971 bis 1990 wurde sie ohne Text gespielt und im Jahr 2000 wurde das Wort „Partei“ gegen „Gott“ ersetzt. Hier in Salzburg kommt sie aber zur Erkenntnis, dass sich Russland von Europa abwendet: „Leb wohl, Europa, ich fürchte, wir werden nie zur europäischen Völkerfamilie gehören.“ (Seite 155) 300 Jahre lang haben russische Kulturschaffende Europa bereichert und leider wird das zu Ende gehen. (geschrieben 2014)
Zwischen all dem Erzählten blitzt immer wieder das Leben der Autorin auf. So erfährt man, dass sie Biologie studieren sollte, weil auch ihre Eltern und Vorfahren Biologen waren. Da sie bei der Aufnahmeprüfung an die Universität durchfällt, steckt man sie nach der Matura in ein Labor, wo sie Ratten den Kopf abschneiden muss. Sie hat es gemacht, weil man es ihr anordnete und sie sagte „Ja, das kann ich“. „Und dann einige Zeit später habe ich gesagt „Nein, das will ich nicht.“ Und diese Chance hat jeder, der eine Schere, eine Maschinenpistole, ein Reagenzglas mit einem tödlichen Virus oder etwas anderes Scheußliches in der Hand hat, und zwar nicht zu seinem eigenen Vergnügen, sondern im Namen einer der großen Ideen, die längst einer Revision bedürfen.“ (Seite 81)
Ulitzjaka stammt aus einer jüdischen Familie ist aber zum katholischen Glauben konvertiert. Ihr missfällt vieles auf dieser Welt, zu dem sie im Buch immer wieder Stellung bezieht, aber das Einzige, mit dem sie zufrieden ist, ist Gott. Für sie ist er weder Mann noch Frau, sondern etwas Größeres. Der Glaube scheint ihr wichtig zu sein und blitzt in mehreren Erzählungen auf. Sie hatte in jungen Jahren einen Zugang zu einem sehr ansprechenden Priester bekommen, der ihr Sinn im Leben gab. Mit zunehmendem Alter zweifelte sie aber an der Amtskirche und ihrem Handeln. Sie kam zu der Erkenntnis, „dass die christliche Kirche nicht reich sein kann, weil sie dann nicht mehr der Lehre Jesu Christi entspricht, und auch nicht antisemitisch, denn Jesus Christus war nicht nur jüdischen Glaubens, sondern auch jüdischer Herkunft. Das ist so simpel und offenkundig, dass es eigentlich keiner besonderen Erklärung bedarf, aber … die kirchliche Praxis schien diese Axiome vollkommen zu ignorieren.“ (Seite 214) Sie wird noch direkter, wenn sie meint „Die Kirche ist im Begriff, zu einer riesigen vergoldeten Dekoration zu verkommen.“ (Seite 217)
Frauen unterscheiden sich von Männern, dass sie mehr nach Macht streben und damit härter sind. Mit den heutigen Forderungen der Feministen geht sie nicht konform, denn diese verlangen Gleichheit zu den Männer und gleichzeitig besondere Rechte. „Viel wichtiger finde ich eine andere Frage: Was bedeutet es im 21. Jahrhundert eine Frau oder ein Mann zu sein? Die gewohnten Konfigurationen verändern sich, und genau das ist interessant.“ (Seite 87) Das Verhältnis Männer zu Frauen legt sie auch auf ihr Heimatland Russland um, wo die Revolution demoskopisch die Gesellschaft verändert hat. 2010 lebten 65 Millionen Männer und 76 Millionen Frauen im Land, obwohl bei der Geburt auf 100 Mädchen 106 Buben kamen. Sie hinterfragt, woran das liegt. Wo kommen die Männer hin? Und verweist, dass Russland seit 1904 ständig Kriege führte, wo junge Männer getötet werden. Darüber hinaus sind jene, die aus den Kriegen heimkommen nicht mehr sozialadäquat. Bedingt durch sehr strenge Strafgesetze sind 900.000 Männer in Gefängnissen und generell sind russische Männer dem Alkoholismus verfallen, was zu Degeneration und kürzerem Leben führt. Frauen werden durchschnittlich 73 Jahre alt, Männer dagegen nur 53. Zu zweit sein hat einen anderen Stellenwert bekommen. Das Bildungsniveau der Frauen ist gestiegen und so „schultern“ sie heute mehr als noch vor einer Generation. Diesen theoretischen Ansatz legt sie dann in einem eigenen Kapitel auf ihre eigene Familie, ihre eigenen Vorfahren um. Sie selbst war drei Mal verheiratet und erklärt ihr Verhältnis zu allen dreien, ohne negativ über sie zu sprechen. „Offenkundig leben wir in einer Zeit, da sich die sakramentale Ehe überlebt hat und an die Stelle der einst unerschütterlichen Regeln neue treten, die noch nicht recht ausformuliert sind.“ (Seite 99)
Eine lange Abhandlung widmet sie ihrer Krebserkrankung, den Hergang und die Reaktion der Freunde. Ihre Krankheit wird in Israel und in Italien behandelt. Dazwischen kehrt sie immer wieder in ihre Heimat nach Russland zurück. Diese Erfahrungen mit der Krebserkrankung führt sie letztlich auch zu Überlegungen über den Tod. „Manche Menschen verbannen jeden Gedanken an den Tod aus ihrem Leben und verhalten sich, als wäre ihnen Unsterblichkeit gegeben.“ (Seite 166) Sie meint, dass sie zwar die Grenze zwischen Leben und Tod nur vom Diesseits beobachten kann, meint aber, dass nur der Tod dem Leben einen Sinn geben kann. Der Sinn des Todes ergibt sich demnach nur aus der Sicht des Lebens. „Das Leben ist kurz! Der Tod währt länger als das Leben!“ (Seite 175)

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    In 33 Kapiteln nimmt sie Bezug zu verschiedensten Themen. Beginnend bei der eigenen Kindheit, ihren Vorfahren, über allgemeine Ratschläge zu Dingen wie Schlaflosigkeit, Lüge, ihren Erfahrungen mit der Ehe über Krieg und Tod. Als Schriftstellerin ist auch interessant, wenn sie meint „Lesen ist wie eine Explosion. Die Welt wird größer, füllt sich mit neuem Wissen. Es steckt im Bücherschrank im Flur, in der Wohnung meiner Vorfahren mütterlicherseits, der Ginsburgs. Das ICH formiert sich aus der Summe der gelesenen Bücher.“ (Seite 18) Aus der Erfahrung des Aneignens von Wissen durch das Lesen leitet sie „das unglaubliche Tempo der heutigen Welt, die enorme Beschleunigung lässt eine andere Physik vermuten als die, von der wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts wissen.“ (Seite 21)
    Sie setzt sich auch mit moralischen Begriffen wie Lüge auseinander. Das Gegenteil der Lüge, die Wahrheit kann sich auf der Zeitachse ändern. Was gestern noch wahr war kann morgen schon Lüge sein. Wichtiger ist ihr aber die Lüge, den nach ihr kann man sich verbessern. Ähnlich auch ihr Zugang zu Heiligen. Sie sind nicht nachahmbar und es sollte auch nicht angestrebt werden sie nachzuahmen. Wichtiger sei da Ehrlichkeit. 
    Unter den Ratschlägen im Buch scheint etwa jener einer Popenfrau auf, die da sagte „Nicht aufzählen, was du nicht geschafft hast, sondern an das denken, was du geschafft hast.“ (Seite 57) So äußert sie sich auch zum Problem des Einschlafens. Für sie gehört zur Schlaflosigkeit „auch das monotone Einschlafen und wieder Aufwachen mit dem hartnäckigen Gedanken: einschlafen, einschlafen, einschlafen …“ (Seite 61)
    Die heutige Welt bietet ein Übermaß an Informationen. Es ist schwerer eine Entscheidung zutreffen als in vorangegangenen Generationen. Da wird die Absage, das NEIN-Sagen, viel wichtiger, um ihm Sog der Daten nicht zu versinken.
    Dazwischen macht sie in einem Kapitel auch Eigenwerbung für eine Buchreihe, die sie unter dem Titel „Der andere, die anderen, über andere“ herausgegeben hat. Hier versucht sie sich an die Jugendlichen zu wende, um ihnen Kulturen und Sitten anderer Völker nahezubringen, was letztlich auf mehr Toleranz und Liberalität hinausläuft. Interessant in diesem Zusammenhang ihre Erzählung über Jelena Mitrofanowa, einer Großmutter, die mit ihren sechs Enkelkindern auf der Straße lebt. Sie ist Ukrainerin, von der Krim und hat in Moskau keinen Anspruch auf Unterstützung. Sie firmiert als Ausländerin in Russland. So hat sie ihre Moskauer Wohnung verloren und lebt auf der Straße. Ulitzkaja, die Autorin dieser Geschichte, will helfen, findet aber kein Verständnis in der Denkweise der Migrantin. 
    Ihr Engagement für Minderheiten zeigt sie am Beispiel eines Jugendstraflagers. Sachlich und kritisch leuchtet sie die Situation aus. Die Geschichte hatte sie im Jahr 2000 geschrieben. Im vorliegenden Buch macht sie aber ein Postskript (im Sinne ihrer Russlandliebe), dass sich die Situation verbessert hat. Waren 1999 (also bei ihrem Besuch) 22.000 Jugendliche inhaftiert, so waren es 2013 nur mehr 2.200.
    Die heurige Situation der Oligarchen erklärt sie aus russischer Sicht und stellt sie reichen Handelsleuten aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gegenüber. Sie lässt auch das Thema der politischen Führung des Landes nicht aus. Im Kapitel „Braucht Russland einen Pinochet?“ zeigt sie den Rechtsruck – wie er derzeit in vielen Ländern unserer Welt passiert – auf. Sie setzt sich mit dem Gedankengut der neuen Rechten auseinander und zeigt deren Denkweise auf. Viele denken immer noch an die große Zeit der Sowjetunion und die 21 Millionen Russen, die in anderen Ländern leben. Die kriegerischen Auseinandersetzungen sind schrecklich, mehr erschüttert sie „die Enthumanisierung auf beiden Seiten.“ (Seite 149)
    Im Zuge ihrer Reisen kommt sie auch in mein Heimatland Österreich und erzählt von einer Festspieleröffnung in Salzburg, wo man des Ersten Weltkriegs gedenkt. Dabei sinniert sie nach Erschallen der österreichischen Bundeshymne über die russische Hymne, deren Text 1944 hieß „Und Stalin erzog uns zur Treue“. Als Stalin entthront wurde, ersetzte man das Wort „Stalin“ gegen „Partei“ (1955 bis 1970). Von 1971 bis 1990 wurde sie ohne Text gespielt und im Jahr 2000 wurde das Wort „Partei“ gegen „Gott“ ersetzt. Hier in Salzburg kommt sie aber zur Erkenntnis, dass sich Russland von Europa abwendet: „Leb wohl, Europa, ich fürchte, wir werden nie zur europäischen Völkerfamilie gehören.“ (Seite 155) 300 Jahre lang haben russische Kulturschaffende Europa bereichert und leider wird das zu Ende gehen. (geschrieben 2014)
    Zwischen all dem Erzählten blitzt immer wieder das Leben der Autorin auf. So erfährt man, dass sie Biologie studieren sollte, weil auch ihre Eltern und Vorfahren Biologen waren. Da sie bei der Aufnahmeprüfung an die Universität durchfällt, steckt man sie nach der Matura in ein Labor, wo sie Ratten den Kopf abschneiden muss. Sie hat es gemacht, weil man es ihr anordnete und sie sagte „Ja, das kann ich“. „Und dann einige Zeit später habe ich gesagt „Nein, das will ich nicht.“ Und diese Chance hat jeder, der eine Schere, eine Maschinenpistole, ein Reagenzglas mit einem tödlichen Virus oder etwas anderes Scheußliches in der Hand hat, und zwar nicht zu seinem eigenen Vergnügen, sondern im Namen einer der großen Ideen, die längst einer Revision bedürfen.“ (Seite 81)
    Ulitzjaka stammt aus einer jüdischen Familie ist aber zum katholischen Glauben konvertiert. Ihr missfällt vieles auf dieser Welt, zu dem sie im Buch immer wieder Stellung bezieht, aber das Einzige, mit dem sie zufrieden ist, ist Gott. Für sie ist er weder Mann noch Frau, sondern etwas Größeres. Der Glaube scheint ihr wichtig zu sein und blitzt in mehreren Erzählungen auf. Sie hatte in jungen Jahren einen Zugang zu einem sehr ansprechenden Priester bekommen, der ihr Sinn im Leben gab. Mit zunehmendem Alter zweifelte sie aber an der Amtskirche und ihrem Handeln. Sie kam zu der Erkenntnis, „dass die christliche Kirche nicht reich sein kann, weil sie dann nicht mehr der Lehre Jesu Christi entspricht, und auch nicht antisemitisch, denn Jesus Christus war nicht nur jüdischen Glaubens, sondern auch jüdischer Herkunft. Das ist so simpel und offenkundig, dass es eigentlich keiner besonderen Erklärung bedarf, aber … die kirchliche Praxis schien diese Axiome vollkommen zu ignorieren.“ (Seite 214) Sie wird noch direkter, wenn sie meint „Die Kirche ist im Begriff, zu einer riesigen vergoldeten Dekoration zu verkommen.“ (Seite 217)
    Frauen unterscheiden sich von Männern, dass sie mehr nach Macht streben und damit härter sind. Mit den heutigen Forderungen der Feministen geht sie nicht konform, denn diese verlangen Gleichheit zu den Männer und gleichzeitig besondere Rechte. „Viel wichtiger finde ich eine andere Frage: Was bedeutet es im 21. Jahrhundert eine Frau oder ein Mann zu sein? Die gewohnten Konfigurationen verändern sich, und genau das ist interessant.“ (Seite 87) Das Verhältnis Männer zu Frauen legt sie auch auf ihr Heimatland Russland um, wo die Revolution demoskopisch die Gesellschaft verändert hat. 2010 lebten 65 Millionen Männer und 76 Millionen Frauen im Land, obwohl bei der Geburt auf 100 Mädchen 106 Buben kamen. Sie hinterfragt, woran das liegt. Wo kommen die Männer hin? Und verweist, dass Russland seit 1904 ständig Kriege führte, wo junge Männer getötet werden. Darüber hinaus sind jene, die aus den Kriegen heimkommen nicht mehr sozialadäquat. Bedingt durch sehr strenge Strafgesetze sind 900.000 Männer in Gefängnissen und generell sind russische Männer dem Alkoholismus verfallen, was zu Degeneration und kürzerem Leben führt. Frauen werden durchschnittlich 73 Jahre alt, Männer dagegen nur 53. Zu zweit sein hat einen anderen Stellenwert bekommen. Das Bildungsniveau der Frauen ist gestiegen und so „schultern“ sie heute mehr als noch vor einer Generation. Diesen theoretischen Ansatz legt sie dann in einem eigenen Kapitel auf ihre eigene Familie, ihre eigenen Vorfahren um. Sie selbst war drei Mal verheiratet und erklärt ihr Verhältnis zu allen dreien, ohne negativ über sie zu sprechen. „Offenkundig leben wir in einer Zeit, da sich die sakramentale Ehe überlebt hat und an die Stelle der einst unerschütterlichen Regeln neue treten, die noch nicht recht ausformuliert sind.“ (Seite 99)
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