Die Heimreise

Vladimir VERTLIB: Die Heimreise. 2024.

Abstract

VERTLIB, Vladimir: „Die Heimreise“, Salzburg Wien 2024
Der Autor ist 1966 in Leningrad geboren und seine Familie emigrierte 1971 nach Israel, dann nach Italien, Holland und die USA, bevor sie 1981 in Wien sesshaft wurde. Seit 1993 lebt Vertlib als Schriftsteller in Salzburg und in Wien.
Der vorliegende Roman hat eine Reise von Kasachstan nach Moskau und Sankt Petersburg in den 1950er Jahren zum Thema. Unwahrscheinlich mit welcher detaillierten Genauigkeit Situationen aus dieser Zeit beschrieben sind, als hätte sie der Autor selbst erlebt, aber dazu wäre er zu jung. Er ist erst später geboren. Seine Informationen hatte er von seiner Mutter und von Verwandten. Eine der Hauptfiguren des Romans – Lina – ist seiner Mutter nachempfunden. Sie lebte in Leningrad und wurde zum Arbeitsdienst nach Kasachstan geschickt. Es war offiziell ein freiwilliger Arbeitseinsatz, dem man sich damals aber nicht entziehen konnte. Professoren, Dozenten, Angestellte und Studierende waren in diesem Güterzug, der aus 50 Wagons bestand und von zwei Lokomotiven gezogen wurde. Die Arbeitswilligen mussten in der Steppe Kasachstans Neuland gewinnen und landwirtschaftliche Fläche aufbauen. Dort bekommt Lina eine Nachricht ihrer Mutter, dass der Vater krank sei und sie schnell kommen solle. „Schnell“, das war unter den damaligen Umständen nicht leicht möglich. Von Kasachstan nach Moskau war es eine mehrtägige Zugsreise, bei der es auch immer wieder zu Wartezeiten und Aufenthalten kam. Die Hinreise wurde auf Güterwagons durchgeführt und dauerte neun Tage. Da war Lina noch in der Gruppe. Zur Heimreise war sie allein unterwegs und alles dauerte noch länger. Viele Zwischenfälle und Aufenthalte zeigten dabei die Absurditäten der sowjetischen Diktatur der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts auf, ohne, dass die Schönheit des Landes zu Schaden kommt. Lina ist eine kämpferische junge Frau, die sich gegen administrative Willkür von Polizei und Behörden durchsetzt.
Sie ist Jüdin und am Weg trifft sie mit einer jungen Frau zusammen, die einen deutschen Elternteil hat. Während des Krieges wurden viele deutschsprachige Russen aus dem Westen in den Fernen Osten übersiedelt. Sie heißt Greta und ist aus ihrem Getto geflüchtet, um zu einer Tante in Moskau zu kommen. Ihre Mutter ist verstorben und sie musste sich allein durchschlagen. Ihr Vater war Kasache und hatte die Mutter vergewaltigt. Auf ihrer Flucht versucht sie den Vater kennenzulernen, aber dieser stirbt unmittelbar nach ihrem Eintreffen, ohne dass sich die beiden gesehen hätten. Die Gegend ist durch Atomwaffenversuche verseucht. Viele Menschen – so wie der Vater – sterben. Greta trifft in einem Versteck auf ein totes Mädchen und eignet sich ihre Dokumente an. Unter dem Namen Rauschan setzt sie ihre Flucht fort. Die beiden Frauen erzählen sich gegenseitig ihr Schicksal. Beide sind sie einer Randgruppe zuzuzählen: Lina die Jüdin und Greta die deutsche Russin mit asiatischem Vater.
Auf der tagelangen Reise im Zug trifft Lina mit vielen Mitreisenden zusammen. Sie werden im Buch den Lesenden vorgestellt. So bekommt man beim Lesen viele unterschiedliche Menschen aus dieser Zeit kennen. Ein sehr gutes Bild der sowjetischen Gesellschaft und ihrer Vielfältigkeit.
Man erfährt aber auch Linas Vergangenheit. Sie war noch ein Kind, als 1941 die Belagerung Leningrads durch die Deutsche Wehrmacht begann. Im Dezember wurden die Brotrationen für Kinder auf 125 Gramm am Tag reduziert. Viele ihrer Verwandten verhungerten. Ihr Ziehbruder Borja, den sie sehr verehrte, konnte kaum mehr gehen, so geschwächt war er. „Im Jänner lag er nur mehr im Bett, verlor zeitweise das Bewusstsein, und wenn er zu sich kam, gab ihm seine Mutter heißes Wasser zu trinken, das sie als „Suppe“ bezeichnete, weil sie Schuhsohlen, Lederhandschuhe und die letzten noch vorhandenen Reste von Tapetenkleister darin verkocht hatte.“ (Seite 120) Der Vater hatte eine führende Rolle in der Armee und besorgte Lebensmittel, damit der Bub wieder auf die Beine kam. Dann nahm er ihn mit zum Kampf. Er war an der Front nicht das einzige Kind. Straßenkinder und Kinder, die alle ihre Verwandten verloren hatten, kämpften mit den Soldaten mit. Diese Kindersoldaten – wie Borja – bekamen nach dem Krieg bevorzugte Jobs angeboten. Trotz Hunger, Bombardierung, Flucht, Verfolgung und Angst hatte auch Lina überlebt. Als der Sieg der sowjetischen Armee verkündet wurde, jubelten die Menschen „über den Sieg, vor allem weinten sie. In den Schmerz mischten sich Erleichterung und Wehmut, und wer es sich leisten konnte, betrank sich.“ (Seite 316) In Anbetracht ihrer Vergangenheit hat sie alle Probleme, die hier in der Nachkriegszeit zur Sprache kamen, leicht bewältigt und sah immer das Positive in dieser Zeit.
Die Spannung, ob sie den Vater zu Hause noch lebend antreffen wird, bleibt im Buch lange bestehen. Es ist ein großartiges Buch, das ich in diesem Falle (das habe ich vorher noch nie gemacht) als Lesestoff empfehle.

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    Sie ist Jüdin und am Weg trifft sie mit einer jungen Frau zusammen, die einen deutschen Elternteil hat. Während des Krieges wurden viele deutschsprachige Russen aus dem Westen in den Fernen Osten übersiedelt.  Sie heißt Greta und ist aus ihrem Getto geflüchtet, um zu einer Tante in Moskau zu kommen. Ihre Mutter ist verstorben und sie musste sich allein durchschlagen. Ihr Vater war Kasache und hatte die Mutter vergewaltigt. Auf ihrer Flucht versucht sie den Vater kennenzulernen, aber dieser stirbt unmittelbar nach ihrem Eintreffen, ohne dass sich die beiden gesehen hätten. Die Gegend ist durch Atomwaffenversuche verseucht. Viele Menschen – so wie der Vater – sterben. Greta trifft in einem Versteck auf ein totes Mädchen und eignet sich ihre Dokumente an. Unter dem Namen Rauschan setzt sie ihre Flucht fort. Die beiden Frauen erzählen sich gegenseitig ihr Schicksal. Beide sind sie einer Randgruppe zuzuzählen: Lina die Jüdin und Greta die deutsche Russin mit asiatischem Vater.
    Auf der tagelangen Reise im Zug trifft Lina mit vielen Mitreisenden zusammen. Sie werden im Buch den Lesenden vorgestellt. So bekommt man beim Lesen viele unterschiedliche Menschen aus dieser Zeit kennen. Ein sehr gutes Bild der sowjetischen Gesellschaft und ihrer Vielfältigkeit.
    Man erfährt aber auch Linas Vergangenheit. Sie war noch ein Kind, als 1941 die Belagerung Leningrads durch die Deutsche Wehrmacht begann. Im Dezember wurden die Brotrationen für Kinder auf 125 Gramm am Tag reduziert. Viele ihrer Verwandten verhungerten. Ihr Ziehbruder Borja, den sie sehr verehrte, konnte kaum mehr gehen, so geschwächt war er. „Im Jänner lag er nur mehr im Bett, verlor zeitweise das Bewusstsein, und wenn er zu sich kam, gab ihm seine Mutter heißes Wasser zu trinken, das sie als „Suppe“ bezeichnete, weil sie Schuhsohlen, Lederhandschuhe und die letzten noch vorhandenen Reste von Tapetenkleister darin verkocht hatte.“ (Seite 120) Der Vater hatte eine führende Rolle in der Armee und besorgte Lebensmittel, damit der Bub wieder auf die Beine kam. Dann nahm er ihn mit zum Kampf. Er war an der Front nicht das einzige Kind. Straßenkinder und Kinder, die alle ihre Verwandten verloren hatten, kämpften mit den Soldaten mit. Diese Kindersoldaten – wie Borja – bekamen nach dem Krieg bevorzugte Jobs angeboten. Trotz Hunger, Bombardierung, Flucht, Verfolgung und Angst hatte auch Lina überlebt. Als der Sieg der sowjetischen Armee verkündet wurde, jubelten die Menschen „über den Sieg, vor allem weinten sie. In den Schmerz mischten sich Erleichterung und Wehmut, und wer es sich leisten konnte, betrank sich.“ (Seite 316) In Anbetracht ihrer Vergangenheit hat sie alle Probleme, die hier in der Nachkriegszeit zur Sprache kamen, leicht bewältigt und sah immer das Positive in dieser Zeit.
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