Bis nächsten Freitag

Peter TURRINI: Bis nächsten Freitag. 2023.

Abstract

TURRINI, Peter: „Bis nächsten Freitag“, Wien 2023
Peter Turrini ist ein Experte beim Schreiben von Theaterstücken. War er zu Beginn – wie etwa bei „Rozznjogd“ - sehr derb und progressiv, so ist immer noch viel von seinem Elan in den Stücken vorhanden und zusätzlich ist er weiser geworden. Vom jungen Progressiven zum Weisen, der immer noch kritisch und spritzig ist.
In diesem neuen Theaterstück reden zwei alte Männer über ihr Schicksal und die Welt. Das könnte ein Nörgeln oder ein Zurückblicken sein. Turrini legt es aber gesellschaftspolitisch kritisch an.
Die Hauptfiguren des Stücks sind ein Buchhändler und ein, vor der Pension stehender Universitätsdozent. Zwei Schulkollegen, die sich im Alter jeden Freitag im Gasthaus „Zur tschechischen Botschaft“ treffen. Ein einfaches Lokal, in dem sich der alte Bibliothekar sichtlich wohlfühlt, aber der intellektuelle Professor deplatziert vorkommt. Die Beiden vertreten politisch unterschiedliche Positionen. Der dem rechten Lager zuzuordnende Professor gegen den sozialen linken Buchhändler.
Es ist ein Drama, in dem im Hintergrund zu so manchen lustigen Passagen Angst schwebt, bei der es um Krankheit – der Professor hat Krebs -, Trennung – der Bibliothekar verlor seine Frau und Freundin und ist einsam – und den Bedeutungsverlust in der Pension geht.
Es wäre nicht Turrini, würden nicht vulgäre Sätze vorkommen, wie etwa das Onanieren der Schüler. Vulgäres fehlt nicht, gehört es doch zu seinen Stücken. Etwa, wenn der Buchhändler in der Nacht aufs Klo geht und feststellt, dass seine Eier weg sind. „Die Eier sind weg. Sie hängen nicht mehr dran. Ich habe es gar nicht bemerkt, keine Schmerzen, nichts. Ich renne zurück zum Bett, hebe die Decke hoch und tatsächlich, da liegen sie, friedlich nebeneinander.“ (Seite 76)
Auch über die Verschiedenheit der heutigen Geschlechter findet sich ein Kommentar: „Ich scheiße mich an. Überall findest du heute in den Toiletten mehrere Scheißhäuser nebeneinander. Wir leben ja im Zeitalter von Diversity. Es gibt ein Scheißhaus für lesbisch, für schwul, für bisexuell, für transgender, für nichtbinär, für intersexuell, für quer und so weiter. Da lobe ich mir diese tschechische Bude an der Ausfahrtstraße. Hier gibt es nur ein Damenklo und ein Herrenklo, sonst nichts. Das ist eine historische Rarität. Nur zwei Scheißhäuser, dass ich das noch erleben darf. Heutzutage stehst du ja nicht nur vor zwei, sondern vor zehn, zwanzig, dreißig Scheißhäusern. Von A bis Z, von Androgyn bis Zwitter. Während du noch überlegst in welches Scheißhaus du gehen sollst, was deiner sexuellen und geschlechtlichen Veranlagung am ehestens entspricht, da hast du dir schon in die Hose geschissen. Denn die Auswahl, die Diversity, ist einfach zu groß. Ich scheiße mich an.“ (Seite 66)
Gesellschaftskritisch zeigt er Situationen und Zukunftsszenarien als Warnung auf. „…es kommen große Dinge auf uns zu. Der Sturm auf das Kapitol war nur der Anfang, in Brasilien haben sie das Regierungsgebäude erstürmt. Wir werden weitere Gebäude erstürmen, die Parlamente, die Ministerien, die Pressehäuser, diese Dreckschleudern der Lügen. Wir werden einen Sturm entfachen, gegen diesen Wahnsinn. Gegen die Genderei der Sprache und der Geschlechter, gegen deine antifaschistischen Linken, deine linke Literatur, deine Adornos, deine Blochs, deine Marcuses, die Frankfurter Schule und allen anderen linken Schulen und Denkern …“ (Seite 64)
Peter Turrini, hat das Dichten nicht verlernt hat. Im Gegenteil: er läuft im Alter zu immer neuen Höchstleistungen auf. „Bis zum nächsten Freitag“ ist von einem alten Dichter für ein älteres Publikum und für die nachkommenden Generationen als Mahnmal geschrieben.

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    Peter Turrini ist ein Experte beim Schreiben von Theaterstücken. War er zu Beginn – wie etwa bei „Rozznjogd“ - sehr derb und progressiv, so ist immer noch viel von seinem Elan in den Stücken vorhanden und zusätzlich ist er weiser geworden. Vom jungen Progressiven zum Weisen, der immer noch kritisch und spritzig ist. 
    In diesem neuen Theaterstück reden zwei alte Männer über ihr Schicksal und die Welt. Das könnte ein Nörgeln oder ein Zurückblicken sein. Turrini legt es aber gesellschaftspolitisch kritisch an.
    Die Hauptfiguren des Stücks sind ein Buchhändler und ein, vor der Pension stehender Universitätsdozent. Zwei Schulkollegen, die sich im Alter jeden Freitag im Gasthaus „Zur tschechischen Botschaft“ treffen. Ein einfaches Lokal, in dem sich der alte Bibliothekar sichtlich wohlfühlt, aber der intellektuelle Professor deplatziert vorkommt. Die Beiden vertreten politisch unterschiedliche Positionen. Der dem rechten Lager zuzuordnende Professor gegen den sozialen linken Buchhändler. 
    Es ist ein Drama, in dem im Hintergrund zu so manchen lustigen Passagen Angst schwebt, bei der es um Krankheit – der Professor hat Krebs -, Trennung – der Bibliothekar verlor seine Frau und Freundin und ist einsam – und den Bedeutungsverlust in der Pension geht.
    Es wäre nicht Turrini, würden nicht vulgäre Sätze vorkommen, wie etwa das Onanieren der Schüler. Vulgäres fehlt nicht, gehört es doch zu seinen Stücken. Etwa, wenn der Buchhändler in der Nacht aufs Klo geht und feststellt, dass seine Eier weg sind. „Die Eier sind weg. Sie hängen nicht mehr dran. Ich habe es gar nicht bemerkt, keine Schmerzen, nichts. Ich renne zurück zum Bett, hebe die Decke hoch und tatsächlich, da liegen sie, friedlich nebeneinander.“ (Seite 76)
    Auch über die Verschiedenheit der heutigen Geschlechter findet sich ein Kommentar: „Ich scheiße mich an. Überall findest du heute in den Toiletten mehrere Scheißhäuser nebeneinander. Wir leben ja im Zeitalter von Diversity. Es gibt ein Scheißhaus für lesbisch, für schwul, für bisexuell, für transgender, für nichtbinär, für intersexuell, für quer und so weiter. Da lobe ich mir diese tschechische Bude an der Ausfahrtstraße. Hier gibt es nur ein Damenklo und ein Herrenklo, sonst nichts. Das ist eine historische Rarität. Nur zwei Scheißhäuser, dass ich das noch erleben darf. Heutzutage stehst du ja nicht nur vor zwei, sondern vor zehn, zwanzig, dreißig Scheißhäusern. Von A bis Z, von Androgyn bis Zwitter. Während du noch überlegst in welches Scheißhaus du gehen sollst, was deiner sexuellen und geschlechtlichen Veranlagung am ehestens entspricht, da hast du dir schon in die Hose geschissen. Denn die Auswahl, die Diversity, ist einfach zu groß. Ich scheiße mich an.“ (Seite 66)
    Gesellschaftskritisch zeigt er Situationen und Zukunftsszenarien als Warnung auf. „…es kommen große Dinge auf uns zu. Der Sturm auf das Kapitol war nur der Anfang, in Brasilien haben sie das Regierungsgebäude erstürmt. Wir werden weitere Gebäude erstürmen, die Parlamente, die Ministerien, die Pressehäuser, diese Dreckschleudern der Lügen. Wir werden einen Sturm entfachen, gegen diesen Wahnsinn. Gegen die Genderei der Sprache und der Geschlechter, gegen deine antifaschistischen Linken, deine linke Literatur, deine Adornos, deine Blochs, deine Marcuses, die Frankfurter Schule und allen anderen linken Schulen und Denkern …“ (Seite 64) 
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